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Der Förderkreis Geschichtsort Topf & Söhne hat sich 1999 als ein offener und heterogener Kreis gegründet, der die Auseinandersetzung mit der Geschichte von Topf & Söhne vorantreiben und verstetigen will.
2009 ist aus dem Förderkreis Geschichtsort Topf & Söhne der eingetragene Verein Erinnerungsort Topf & Söhne hervorgegangen. Im Zuge der Vereinsgründung entstand auch eine neue Internetpräsenz (www.topfundsoehne.de). Dort finden sich auch die aktuellen Kontaktadressen. Die alte Homepage wird seitdem nicht mehr aktualisiert, bleibt aber zur Dokumentation der Förderkreisaktivitäten in den Jahren von 1999 bis 2009 weiterhin bestehen.

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Fünf Fotografen sehen einen Ort

Vom Beginn ihrer Entwicklung an galten die verschiedenen fotografischen Verfahren als besonders objektiv, was die Wiedergabe der sichtbaren Welt vor der Kameralinse betraf. Das verwundert nicht, wenn man bedenkt, mit welcher Hingabe sich bereits die Künstler der Renaissance der Arbeit mit der Camera obscura widmeten, um mit deren Hilfe eine dem menschlichen Gesichtssinn entsprechende Projektion des Wahrgenommenen auf einer Fläche zu gewinnen, deren linearperspektivische Konstruktion zugleich rationalen, mathematisch-geometrischen Einsichten der Zeit entsprach. Als es dem englischen Privatgelehrten William Henry Fox Talbot 1840 endlich gelang, eine geeignete Substanz zur Sensibilisierung des Fotopapiers zu finden und die Belichtungszeit damit von rund sechzig Minuten auf wenige Sekunden zu reduzieren, stand der allumfassenden Bannung der Wirklichkeit durch das unbestechliche "Auge" der Kamera nichts mehr im Wege. In der Fotografie schien sich die Welt quasi selbsttätig zur Abbildung zu bringen - folgerichtig nannte Talbot sein erstes Mappenwerk mit positiven Kontaktkopien "The Pencil of Nature". Das So-Sein der Welt werde ohne Umwege und beinahe ohne Zutun des Menschen auf die lichtempfindliche Emulsion von Zelluloid oder Papier gebannt, lautet der Glaubenssatz der Fotografie als eines dokumentarischen Mediums. Den vielen aufgedeckten Bildmanipulationen und -fälschungen seitdem zum Trotz bringt der eigentümliche Wiedererkennungseffekt der Fotografie unsere sensorisch eingestimmte Psyche immer wieder dazu, in fotografischen Bildern das Leben selbst erkennen zu wollen.

Welche Macht hat das fotografische Bild seit dieser Zeit über unseren Weltzugang gewonnen! Wir "kennen" (von Fotos und aus Filmen) Gegenden der Welt, auch wenn wir nie dort waren; in unserem Gedächtnis haben wir Fotos abgespeichert, die zu Medien-Ikonen wurden und in dieser Eigenschaft sogar ihre Schöpfer überstrahlen. Wer z.B. kennt schon den Namen des Fotografen, der Albert Einstein einem Moment ablichtete, als dieser ihm frech die Zunge entgegenstreckte, wer fertigte die Aufnahme von Che mit fliegendem Haar und Barett, und wie hieß der Autor des gnadenlos gezoomten Brudenkusses zwischen Breschnew und Honecker? In künstlerisch fruchtbaren Momenten geht die Bildmacht des fotografierten Sujets mit den Intentionen des Kameramannes oder der Kamerafrau eine merkwürdige Allianz ein, in der das Besondere des Bildgegenstandes auf das Ausdrucksbedürfnis des Bildschöpfers verweist und umgekehrt.

Aber was passiert, wenn ein Veranstalter wie die Evangelische Akademie Thüringen fünf Fotografen dazu einlädt, an einem Ort zu arbeiten, der aufgrund seiner historischen Beladenheit für manche schon zu einem Unort geworden ist? Wir erhalten nichts weniger als eine rational abgesicherte Bestandsaufnahme des Hier und Jetzt, sondern fünf Perspektiven subjektiver Wahrnehmung, eigentlich fünf Orte. Gerade in der Konzentration verschiedener fotografischer Handschriften auf ein Objekt wird deutlich, dass alle Wahrnehmung immer schon von Intentionen gelenkt ist und jedes Produkt dieser Wahrnehmung eine Interpretation darstellt, auch wenn dokumentarische Züge in mehrfach wiederkehrenden Raumsituationen oder Gegenständen erkennbar bleiben. Ja, in gewisser Weise macht diese Fotografie exemplarisch, was Geschichtsdeutung schon immer ist: Aufnehmen eigentlich unsichtbarer, weil gesellschaftlicher Relationen und Zusammenhänge, Aufladen der eigentlich unschuldigen, weil alltäglichen Sachen mit dem Wissen um diese Zusammenhänge, so dass selbst einfachste Objekte zu Sach-Zeugen werden können, die anklagen oder auch Weihe spenden. Der Blick aus dem Konstruktionsbüro der ehemaligen Firma Topf & Söhne in Erfurt mit den alten, noch gusseisernen Zeichentischen hinüber zum Weimarer Ettersberg ist solch eine an sich alltägliche Sache, die, geschichtlich aufgeladen, plötzlich zum Sach-Zeugnis und Mahn-Bild wird für Verstrickungen, für welche die Objekte selbst doch gar nicht einstehen können.

Scheinbar ganz auf die sachliche Bestandsaufnahme dessen, was ist, hat sich Hans-Peter Szyska konzentriert. Doch so sehr die mit einer Mittelformatkamera aufgenommenen Raumsituationen, ihre Perspektive und Lichtführung auch den kühlen Blick des erfahrenen Architekturfotografen verraten, aus der Betonung stofflicher Wahrnehmungen bis in kleinste Nuancen hinein erwächst eine Fremdheit, die den Ort unheimlich erscheinen lässt, ihn dramatisch auflädt. Die Brache beginnt, ein mysteriöses Leben zu führen, Öl, Putzwolle, Farbspuren und rostige Türen sind so präsent, dass sie wie eben verlassen wirken. Der Exodus bleibt rätselhaft.

Auch bei Jürgen M. Pietsch denkt man zuerst an Traditionen sachlicher Industrieaufnahmen von Albert Renger-Patzsch bis Werner Mantz, und er selbst scheint diesen Eindruck über den topografisch-sachlichen Titel seiner Serie wie auch in seinem Statement noch zu bekräftigen: "Ich zeige, 'was da ist' und vertraue der Wirkung meiner Fotografien, wie der Sprache der Orte aus sich heraus." Man folgt dieser Spur, bis man bemerkt, wie viel Augenmerk der Fotograf auf die Lichtverhältnisse lenkt. Oft finden sich bei ihm gangartige Engführungen der Perspektive und abgedunkelte Raumsituationen, die auf eine Lichtöffnung hinführen. Doch ist das Licht der Schwarz-Weiß-Abzüge nie ganz weiß, sondern verbleibt im Graubereich, ist ein bleiernes Licht, das auf eine bleierne Zeit und ein düsteres Erbe zurückverweist, auch wenn die meisten technischen Anlagen im Bild neueren Datums sind.

Die Aufnahmen von Claus Bach bilden dazu den denkbar stärksten Kontrast, wenngleich auch sie ihre Wirkung aus der Verfremdung der Lichtsituation beziehen wie in der Arbeit von Jürgen Pietsch. "ISTAR" besteht aus farbig geblitzten Detail- und Gesamtaufnahmen der alten Reißbretter gleichlautenden Namens im ehemaligen Zeichensaal der Firma. Das grelle rote, blaue, grüne und gelbe Schlaglicht reißt die Objekte förmlich aus ihren sachlichen Zusammenhängen, die serielle Wiederholung der Motive entwertet mutwillig ihre dokumentarische Beweiskraft wie auch ihr Pathos als Symbole letztlich unmenschlicher Ingenieurskreativität. Aus Zeitrelikten werden Kunstobjekte, Kompositionsanlässe, Plattformen wahrnehmungspsychologischer Experimente. Doch ganz so radikal deutet Claus Bach seinen Auftrag doch nicht um. Es geht ihm - nach der Befreiung der historischen Tatwerkzeuge von der Patina ihres moralischen Ballastes - um ein assoziierendes Weiterdenken der Situation: Schöner Schein kann trügen. Wie oft dienten gerade ästhetische Stilisierungen dazu, die realen Verhältnisse von Macht und Ohnmacht, zwischen Schuldigen und Opfern zu bemänteln?

Thomas Kummerow ist der Spurensucher unter den Fotografen. Überall fand er Blümchenmuster, vor allem auf Gardinen und Tapeten, die vermutlich in den siebziger Jahren an die Wände und vor die Fenster gebracht wurden. Diese Muster zeigt er, nahsichtig und in der ganzen Pracht ihrer verblichenen Farben. Sein neugieriger Blick stößt auch uns auf das Banale, das kleine, alltägliche, das machbare Glück als Ausdruck der eigenartigen Kontinuität dieses Ortes, lange über den Krieg und den darauf folgenden Zusammenbruch hinaus. Die Produktion ging weiter, natürlich. (War doch nicht alles schlecht, was ...): "Kombinat Fortschritt".

Schließlich die Arbeit von Walter Bergmoser. Er setzt ganz auf den Kontrast von Bild und Text. Großformatige Prints, welche alles Dunkel der Räume in der Industriebrache Topf & Söhne zu akkumulieren scheinen, hat er mit Textfragmenten versehen, die aus einem an den Künstler adressierten Brief stammen. "... deine mutter würde sich im grabe umdrehen ..." lautet eine der Sentenzen, eingefügt in das Bild eines grabdüsteren Raumes, in den nur ein knapper Lichtstrahl dringt. Zurechtweisung? Memento mori? Die Situation wirkt emotional aufgeladen, ist jedoch nicht eindeutig zu erschließen. Zu viel bleibt Andeutung, zu wenig Licht dringt in das Dunkel, in jenes schwarze Kapitel der Lokalhistorie, das manch einer vielleicht lieber verschlossen halten möchte.

Fünf Fotografen sehen einen Ort. Keine historischen Relikte werden dabei konserviert, nichts Museales wird abgeliefert. Mit der doch scheinbar so unbestechlichen Kamera als Arbeitsinstrument - aber eben nur als dieses, nicht als Denkersatz - haben sie fünf Facetten der Deutung erarbeitet. Fünf eigenständige Dialoge wurden geführt und werden nun öffentlich, lassen sich vergleichen und ermöglichen ein umfassenderes Gespräch, das sich nicht nur bei den Fakten aufhält, sondern neue, vielleicht ungewohnte Wahrnehmungs- und Denkräume erschließt. Über eine Sache nachdenken heißt eben auch, darüber hinaus denken. Fünf Fotografen liefern fünf Interpretationen eines Ortes, das sind fünf neue Wirklichkeiten, die von der lebendigen Auseinandersetzung mit dem "Geist" dieses Ortes zeugen. Etwas besseres konnte diesem - und kann uns - kaum passieren.

Kai Uwe Schierz