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Der Förderkreis Geschichtsort Topf & Söhne hat sich 1999 als ein offener und heterogener Kreis gegründet, der die Auseinandersetzung mit der Geschichte von Topf & Söhne vorantreiben und verstetigen will.
2009 ist aus dem Förderkreis Geschichtsort Topf & Söhne der eingetragene Verein Erinnerungsort Topf & Söhne hervorgegangen. Im Zuge der Vereinsgründung entstand auch eine neue Internetpräsenz (www.topfundsoehne.de). Dort finden sich auch die aktuellen Kontaktadressen. Die alte Homepage wird seitdem nicht mehr aktualisiert, bleibt aber zur Dokumentation der Förderkreisaktivitäten in den Jahren von 1999 bis 2009 weiterhin bestehen.

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Firma Topf&Söhne - Hersteller der Öfen für Auschwitz. Ein Fabrikgelände als Erinnerungsort?

Vorwort der Herausgeber

In der Erfurter Firma J.A. Topf & Söhne wurden Krematoriumsanlagen für deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager gebaut. In den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts fertigte der Betrieb in- dustrielle Feuerungen in internationalem Maßstab. "Topf in alle Welt" war einer der Werbesprüche des Unternehmens. Ingenieure ermittelten den Feuerungsbedarf von Industrieanlagen, zeichneten Entwürfe und montierten die in Erfurt gefertigten Anlagen vor Ort.

Ende der dreißiger Jahre wurde die Firma zum zuverlässigen Geschäftspartner für die SS-Bauleitungen. In Auschwitz, Buchenwald und vielen anderen Orten installierte der Betrieb Feuerungsanlagen für die industrielle Vernichtung von menschlichen Körpern.

Als der bei Topf & Söhne dafür zuständige Chefingenieur, Kurt Prüfer, in Auschwitz die Installation einer Verbrennungsanlage überwachte, ließ er sich den gesamten Betrieb des Lagers vorführen. Er stieß auf "Mängel" bei der Durchführung der Vernichtung. Die Mechanik der Gaskammern war undurchdacht. Prüfer empfahl der Lagerführung seinen Kollegen Karl Schultze, den Leiter der Abteilung B Ventilation, für die bessere Ausführung dieser betrieblichen Notwendigkeit. Karl Schultze erledigte diese Aufgabe professionell.

Nicht, dass die Zusammenarbeit mit der SS-Bauleitung immer unproblematisch gewesen wäre. Es kam zu Meinungsverschiedenheiten. Topf & Söhne haderte mit der mangelnden Zahlungsmoral ihres Vertragspartners. Nicht, dass die Firma finanziell auf die Zuwendungen der SS-Bauleitung angewiesen gewesen wäre. Der Umsatz bei den Krematoriumsgeschäften blieb in diesen Jahren bei circa drei Prozent. Die Firma J.A. Topf & Söhne lieferte Qualitätsarbeit an deutsche Konzentrationslager wie an jeden anderen Geschäftspartner.

Heute ist dort, wo die Firma J.A. Topf & Söhne die Feuerungsanlagen produzierte, eine Industriebrache. Bis 1994 arbeitete an dieser Stelle der Erfurter Mälzerei- und Speicherbau (EMS). Dann ging der Topf-Nachfolge-betrieb des VEB Fortschritt in Konkurs.

Wenn man heute den Zeichensaal betritt, der im zweiten Stock des ehemaligen Verwaltungsgebäudes liegt, gelangt man in einen lichtdurchfluteten Raum. Hier könnten die Verbrennungsanlagen deutscher Konzentrationslager konzipiert und gezeichnet worden sein. Zeichenbretter der Gothaer Firma Graefe & Co GmbH aus den vierziger Jahren stehen zusammengedrängt an der östlichen Fensterseite des Raumes. Aus den Fenstern des Zeichensaals sieht man auf den Ettersberg. Der Turm der Buchenwalder Mahnmalsanlage ist bei gutem Wetter mit bloßem Auge gut zu erkennen. Auch die technischen Zeichner der Firma Topf hatten mit einem Seitenblick aus dem Fenster den Zielort ihrer Bemühungen in Augenschein nehmen können.

Seit 1998 ist das Gelände, das zwischenzeitlich auch für Lagerungszwe-cke genutzt wurde, ohne Aufsicht. Das Hauptgebäude des einst multinational agierenden Familienbetriebs wurde 1999 durch einen Brand schwer geschädigt.

Der vierschrötige Bau wirkt mit seinem angedeuteten Repräsentationsbalkon und dem Säulenschmuck auf der Fassade wie eine zu groß geratene Fabrikantenvilla im pseudoklassizistischen Stil. Ein Schornstein sitzt wie ein Dachreiter auf dem First. Andererseits industrielle Nüchternheit, die sich auf der Rückseite des Baus in den Gebäuden der Warenannahme und -lagerung fortsetzt und die hier in Thüringen sogleich ans Bauhaus denken lässt. Die entstandene Mischung ist allerdings von der Avantgarde der Industriearchitektur so weit entfernt wie vom sächsischen Barock. Denkmalschutz-Gründe sind es also nicht, die für einen Erhalt der Bauwerke sprechen.

Seit 1998 setzt sich eine von Eckhard Schwarzenberger begründete Initiative, bestehend aus unterschiedlichen Institutionen und Einzelpersonen mit diesem Ort auseinander. Im Erfurter Haus Dacheröden führte das dort beheimatete Europäische Kulturzentrum gemeinsam mit dem DGB-Bildungswerk Thüringen und der Heinrich Böll Stiftung des Landes eine erste Veranstaltungsreihe durch. Neben wissenschaftlichen Vorträgen und Diskussionsver-anstaltungen, fanden erste Schul- und Theaterprojekte statt. Auch Hartmut Topf, der Urenkel des Firmengründers, setzt sich seither für die Initiative ein.

Ein 1999 gegründeter Förderkreis hat unter der Federführung der Evangelischen Akademie Thüringen und des DGB-Bildungswerkes die wissenschaftliche Aufarbeitung und die öffentliche Diskussion weiter vorangetrieben.

Drei Tagungen zu den Themen Holocaust und Moderne, Gedenken an semiauthentischen Orten und Arbeiten an einem Täterort sowie ein Expertenhearing, in dessen Verlauf Historiker und Politologen aus ganz Deutschland zu zeitgeschichtlichen und erinnerungstheoretischen Fragen Stellung nahmen, bilden die Grundlage für diese Publikation.

Sie dokumentiert verschiedene Erkundungsgänge der Initiatoren. In welche Topoi der Bildungs- und Erinnerungsarbeit ist die Auseinandersetzung mit dieser Industrieruine einzuordnen? Geht es um eine historische Stätte des Nationalsozialismus oder gerade um einen auswechselbaren Ort industrieller Mittäterschaft? Ist dies ein authentischer Ort, der, einem Denkmal gleich, konserviert werden muss? Oder ist dies ein Ort wie viele andere, der, in diesem Fall nur durch den Stolz, mit dem die Firma ihr Logo auf die Front ihrer Ofenanlagen anbrachte, bekannt wurde?

Der Beginn der Auseinandersetzung mit Topf & Söhne in Erfurt war von Zygmunt Baumans Theorie der Moderne geprägt. Unter dem Signet Holocaust und Moderne erschienen die ersten Druckschriften der Initiative. Der Gegenwartsbezug der Topf-Brache schien durch Baumans Bindung der Voraussetzungen des Holocaust an die Moderne besonders zwingend gegeben.

Dieses Buch beschließt zugleich eine Phase der Orientierung und Erkundung. Inzwischen arbeitet eine Historikerin mit Unterstützung der Gedenkstätte Buchenwald an einer Betriebsgeschichte der Firma J.A. Topf & Söhne, und der Stadtrat Erfurt hat beschlossen, den Ort zu markieren. Insofern ist aus einem Aktionsbündnis von Bildungsträgern und Einzelpersonen ein von Institutionen getragener Prozess geworden.

Wir danken dem Thüringer Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, das die Bemühungen um die Sicherung der Brache und ihre Verankerung im Gedächtnis der Region unterstützt. Durch einen großzügigen Druckkosten-Zuschuss konnte dieser Band in der vorliegenden Form erscheinen.